Samstag, 19. November 2011

Die Politik des Aufenthalts

Via Eurozine kann man derzeit ein Gespräch zwischen Charles Taylor und Slawomir Sierakowski nachlesen. Dabei geht es um das recht leidige Thema der Entpolitisierung der Politik.

Dort heißt es dann unter anderem:
SS: Would you say that what Tocqueville called "soft despotism" is the case today? 

CT: Yes, but only because we allow it to be the case. People are not trapped into this. But it does take new kinds of mobilization and political imagination to get out of it. 

Bei Botho Strauss fällt, nicht zuletzt im Bezug auf Carl Schmitt, das Schlagwort Katechon: Aufhalten, um den Aufenthalt zu verlängern, um das Ende abzuhalten. Exakt bei diesem Katechon liegt heute ein Grundproblem jeglicher politischer Intervention.


Wie soll man Politik machen, wenn diese nur noch unter dem Primat der Verzögerung stattfinden kann? Was kann politische Imagination noch bedeuten, wenn alles Handeln und Vorstellen sich daran messen muss, das Schlimmste zu vermeiden? Es dürfte knifflig sein, auf diese Frage eine befriedigende Antwort zu finden.

Interessanterweise war so auch im Falle Griechenlands das einzige Lebenszeichen der Politik der Augenblick ihres Liebäugelns mit dem völligen Zusammenbruch. Das heißt, in dem Moment, in dem die Politik den Mut hatte unverantwortlich zu sein - insofern verantwortlich zu sein bedeutet,  sicherzustellen, dass der Aufenthalt verlängert wird.

Vielleicht wäre in diesem Verantwortlich-Unverantwortlich-Spiel sogar eine Definition von Politik zu finden. Zum Beispiel: Politik ist das Feld, in dem verantwortungslos gehandelt wird, um verantwortlich zu werden, während eine technokratische Sichtweise es bedeutet, verantwortlich zu handeln, um verantwortungslos zu werden.

Man könnte dann sehen, um wie viel verführerischer der letztere Punkt erscheint und wie schwierig und unwahrscheinlich es ist, darin noch irgendwelche visionären Ansätze im Sinne Taylors unterzubringen.


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