Dienstag, 1. November 2011

Oknos "necessary efforts": Papandreous Opfer

Rätselraten über Papandreous Motive für eine Volksabstimmung. Ich rate mal: Er erhofft sich von der EU bessere Konditionen für sein Land. Ein Land, von dem man hört, dass sich in ihm manche seiner Bewohner ihre Medikamente nicht mehr leisten können und in dem es inzwischen an sterilen Tupfern in den Krankenhäusern mangelt. Das klingt nach vegetieren, nach einem Schattendasein. Wen wundert es da, dass Papandreou alles auf eine Karte setzt?

Noch einmal wird es Griechenland wohl nicht schaffen, Europa die Fackel der Demokratie zu bringen. Eher wird sich Europa von dem Feuer abwenden, das es mittlerweile zu fürchten lernt (als Flächenbrand, als exklusives Lagerfeuer, als Brandschatz, als Erstickungsfeuer?). Übrigens bin ich mir nicht so sicher, ob wir nicht mehr noch als die Demokratie, mit dem heutigen Tag eine andere uralte, schon fast vergessene, griechische Spezialität beobachten können.

Bevor sich die ersten demokratischen Gehversuche in Griechenland durchsetzen konnten, gab es in Griechenland eine starke Priesterkaste. Man kannte in den ganz alten Zeiten so auch die einigermaßen grausige Tradition der Opfer, ja sogar der Menschenopfer.

Die alte, dieser Tradition des Opfers entsprechende Logik existiert heute nicht mehr, man erinnert sich ihr nicht mehr, gerade deshalb ist sie so wirksam, wenn sie dennoch benutzt wird. Es ist wie mit dem Feuer, das man fürchtet. Das Opfer ist in das  herrschende Kalkül weder eingeplant noch vorgesehen.

Wie Sarkozy in seinem heutigen Statement ausführt, gibt es nur einen Weg, und zwar den der notwendigen Bemühungen und Anstrengungen. Auch von denen wusste das alte Griechenland einiges zu erzählen, nicht nur bei Sisyphos. Oknos, der sinnlos mühselig flechtende Arbeiter im Hades, war für die alten Griechen das Sinnbild eines Alptraums. So wie dieses Sklavendasein musste das Schattendasein in der Hölle sein. Oknos bedeutet der Zauderer. Ein ewig andauerndes Zögern. Weshalb bleibt er bei seinen "necessary efforts"? Wovor zaudert Oknos? Vielleicht vor der Möglichkeit seiner selbstgewählten Opferung, vor dem Ziehen des Schlussstrichs.

Wenn sich der Sklave selbst opfert, trägt diese Opferung nicht den minimalen Moment eines Sieges in sich, das Wiedererlangen der Souveränität? Was man von Griechenland heute sehen konnte, war das Aufblitzen dieser Souveränität der Selbstopferung, die es für einen Moment lang wieder unentschieden macht, wer Herr, wer Sklave ist, da die Blendung dieses Blitzes alle Akteure gleichermaßen trifft: Und wer weiß, vielleicht ist das der Beginn eines kollektiven pharmakós, heftig genug, die Macht aus ihrem Konzept zu bringen.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Ihr Kommentar:

Archive