Donnerstag, 12. Januar 2012

Die Kunst des Schreckens

Vor kurzem las ich ein Büchlein von Paul Virilio, den gedruckten Vortrag "Die Kunst des Schreckens". Man kann sich gut vorstellen, dass sein kurzer Text einigen Zuhörern und Lesern vor den Kopf gestoßen hat. Der Text ist eine Provokation und zwar gegen die Provokateure, und genau als solche ist er wohl auch zu lesen. Virilio geht darin der Frage nach, inwiefern die zeitgenössische Kunst auf die Gegenwart bezogen ist.

 Denn, der Künstler ist seiner Zeit nicht voraus, er ist seine Zeit. Er zeigt das Wesen seiner Zeit. Und dieses Wesen malt Virilio nicht gerade in bunten Farben.

Virilio behauptet, dass das Kunstwerk heute, im Gegensatz zu der Kunst der vorigen Jahrhunderte, endgültig das Versprechen der abstrakten Kunst eingelöst hätte, das Ende der Repräsentation, das Ende der darstellenden Kunst. Die Kunst seit her würde Virilio zufolge nur noch präsentierten. Und das ist doch interessant, denn man kann hier durchaus Parallelen zu anderen Bereichen der Gesellschaft, allen voran der Wirtschaft und der Politik, ziehen.


Genau das macht Virilio auch selbst, wenn er feststellt:
»Diese Situation entspricht dem beängstigenden Untergang der repräsentativen Demokratie zugunsten zunächst einmal einer von Meinungsforschern beherrschten und schließlich einer virtuellen Demokratie, d.h. der automatischen Erhebung einer »direkten oder, genauer gesagt, einer multimedialen und nur noch präsentierenden »Demokratie««
Die Entwicklung der Kunst zu einer Schock-Kunst geht dabei ähnlich vonstatten wie die Entwicklung der massenmedialen Berichterstattung: Der Schock, oder der Schrecken wird zur Begleiterscheinung der Bilder. Das ist das Bild einer terroristischen Ästhetik und wirklich ist das Grundprinzip dem des Terrors "erschreckend" ähnlich:

Der Künstler stellt sich selbst vornehmlich kritisch dar, er produziert jedoch nur negatives Begleitrauschen: Das Problem eines Feedbacksystems, das keine repräsentative Funktion mehr zur Verfügung stellt.

Der Besucher einer Ausstellung wird wie der Konsument der Massenmedien dazu gezwungen, die Bilder zu ertragen. Aber wie schön ist es, angeekelt und wissend subversiv zu nicken! Und schließlich weicht die Betrachtung des Bildes dem Ertragen des Bildes, da die für eine eingehende Betrachtung notwendige Repräsentationsfunktion nicht mehr existiert.

So wie Richard Sennett vor einigen Jahren feststellte, dass die Menschen sich immer schwerer damit täten, soziale Codes zu lesen, trifft dies, schenkt man Virilio Glauben, in umgekehrter Weise auch für das Kunstwerk der Gegenwart zu - es fehlen schlicht die Codes, die etwas bedeuten könnten, oder sie sind ein Nachhall von dem, was außerhalb des Museums geschieht. Erstaunlich: Die Kunst hat sich der Schwere der Repräsentation entledigt, ohne aber dadurch an Leichtigkeit gewonnen zu haben.



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