Sonntag, 27. Mai 2012

Die Demokratisierung der Unsterblichkeit


Die Titelzeile ist ein Zitat aus der Welt: Im Artikel geht es um ein neues Social Media-Angebot, dass es erlaubt, auch nach dem Tod seine sozialen Netzwerke aufrechtzuerhalten. Technologie und die Suche nach Unsterblichkeit waren schon immer eng miteinander verbunden: Man denke an den Beginn der Kybernetik, an Norbert Wieners schaurig-hoffnungsvolle Ahnung, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft dazu befähigt sein könnten, das eigene Bewusstsein mitsamt aller Informationen in eine Maschine zu übertragen (Tatsächlich ist die Religion Ray »The Singularity is near« Kurzweils nur Teil einer Tradition, die auf den Beginn des Informationszeitalters zurückgeht). Vielleicht kreist jeder Aufbruch, den die Menschheit unternimmt, immer um dieses eine Ziel: Nach der europäischen Entdeckung Amerikas mussten nur zehn Jahre vergehen, bis sich einer aufmachte, den Jungbrunnen zu suchen.

Apropos Jungbrunnen: Man könnte sich auch ein »Geschäftsmodell« vorstellen, dass es erlauben würde, Avatare seiner Person als Zwanzigjährigen, als Zehnjährigen, als Fünfjährigen in die sozialen Netzwerke zu schicken, mitsamt passender Freundeskreise und Interessen, mit manipulierten Bildern, die ein früheres Ich bei Kindergeburtstagen und Sportveranstaltungen, bei Parties im Studentenheim zeigt. Manchmal sähe man nach dem Status seiner jüngeren Avatare. Vielleicht würde man seine jeweilige Gegenwart den virtuellen Vergangenheiten, die man nie gelebt hat, angleichen, oder sie einfach weitertreiben lassen, in völlig belanglose und unbekannte Zukünfte. 

Samstag, 26. Mai 2012

Intermezzo: Edward Sharpe & The Magnetic Zeros


Berkannterweise leben wir in einer Retro-Kultur: Von Revival zu Revival, ohne aber natürlich, bloße Kopie zu sein. Alles kehrt in mehr oder weniger gewandelter Art und Weise wieder. Edward Sharpe & The Magnetic Zeros sind dafür ein schönes Beispiel. Der Bandleader (der junge Mann in großzügig geschnittenem Schlafanzug) schafft es mit seinen Magnetic Zeros zum zweiten Mal einen Auftritt bei Letterman zu ergattern. Der Sound und das Auftreten der Band sind hippieesk, Edward Sharpe selbst ist zumeist blütenweiß gekleidet, das Hemd ist weit über die Brust geöffnet. Seine Erscheinung ist die eines Messias oder New Age-Gurus, der mich irgendwie an dieses wohlmeinende Bukowski-Gedicht über einen etwas wunderlichen Autobahnprediger erinnert. Die Botschaften der Band lauten dementsprechend: Wir sollten viel netter zueinander sein! Die Dualität ist der Ursprung allen Übels! Offenbar sehen das andere auch so: Der Automobilkonzern Ford schaltet Werbungen mit ihrer Musik.

Irgendwo spürt man diese Spannung in ihrer Musik, oder sie taucht auf im ironisch-entrückten Lachen Sharpes. Obwohl, vielleicht ist »Spannung« ein ganz falscher Begriff für das, was hier geschieht. Es geht nicht um einen Gegensatz, um irgendeine Dialektik, sondern um Aufzählung: Das »Künstliche« und das »Ehrliche« und das »Gegenkulturelle« und das »Kommerzielle«. Im völligen Bewusstsein, dass sich all das nicht mehr recht trennen läßt, dass alles ein Nebeneinander ist, das von einem ins andere übergeht. Alles liegt offen da und zugleich beschwört im selben Maße alles Retro, Rückkehr und Zukunft, Utopie, als gelte es, die Stärke, die Vorherrschaft der Bedeutung des Gegenwärtigen zu vernichten. Gerade deswegen, wegen dieser ausschweifenden Sentimentalität, muss man sie irgendwie mögen: kommuniziert wird das Festhalten an einem völlig wirklichkeitsfernen Phantasma, das irgendwo zwischen Freude und Wahnsinn changiert, losgelöst von allem, transzendent gewissermaßen, bis der letzte Ton verklingt und alles zurückkehrt auf den Boden der Tatsachen.

Donnerstag, 24. Mai 2012

Entbunden

In den Blättern für deutsche und internationale Politik findet sich derzeit ein interessanter Artikel mit Überlegungen zum Potential eines neuen Faschismus. Erwähnenswert erscheint mir vor allem das hohe Maß an Heterogenität, das die Autoren den Parteien der europäischen Rechten zugestehen.

Abgesehen davon fänden sich den Autoren zufolge vom Nationalsozialismus ausgehend »gravierende Kontinuitäten«, »die weit über 1945 hinausweisen und bis in die Gegenwart reichen, nämlich Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus und sozialdarwinistisches Denken.« Als Beleg dafür wird unter anderem Heitmeiyers berühmte Langzeitstudie »Deutsche Zustände« erwähnt. Die Autoren mahnen obligatorisch zur Achtsamkeit und fügen etwas floskelhaft hinzu, dass ein neuer Faschismus nicht in der altbekannten Form wiederkehren werde. Die vielfältigen sozialen, ökologischen und ökonomischen Instabilitäten aber wären auch im Hinblick auf mögliche neue Faschismen beunruhigend. Man kann nach dem Lesen des Artikels dennoch davon ausgehen, dass die Autoren seinen erneuten faschistischen Aufschwung zumindest in Deutschland für äußerst unwahrscheinlich halten.

Eigentlich ist es verwunderlich, dass in der Faschismusforschung zwar Konsens darüber herrscht, dass es keine Gefahr eines zweiten NS-Staates gibt, man aber dennoch nicht dazu übergeht, sich Gedanken über neue Tendenzen zu machen. Warum gibt es so wenige Spekulationen oder Gedankenspiele zu künftigen Faschismen? Wir können uns so etwas einfach nicht mehr vorstellen: Wir alle sind so ungemein aufgeklärt und kritisch. Wir fallen auf niemanden rein, zumindest nicht für längere Zeit: Wir kennen alle Tricks - nur unser Nachbar ist der ungebildete Idiot, der sie immer noch nicht kapiert. Aber vielleicht müsste man Anzeichen für neue Spielarten des Faschismus eben nicht bei den paar letzten Deppen suchen, die im Dorfgasthaus »Heil Hitler« schreien (und nein, das heißt keineswegs, dass ich das unproblematisch finde), sondern im Gegenteil in einem Milieu, dass sich selbst als immun gegen faschistische Anwandlungen begreift. Oder anders: vielleicht verdeckt das schon fast traditionelle Herunterbeten des Faschismusbegriffs neue, nicht unbedingt faschistische, doch aber äußerst bedenkliche Erscheinungen eher, als dass es sie erhellt. 


Man denke etwa an André Gorz »Ökofaschismus«! Ein Ansatz. Oder an Poulantzas Sichtweise: Der faschistische Bruch werde, wenn er denn je kommen sollte, nicht mehr von außerhalb des Staates kommen (d.h. von durchgeknallten Naziparteien) sondern im Inneren, im Staat selbst stattfinden. Wenn man diese Betrachtung übernimmt, ist ein möglicher neuer Faschismus ein langsam kippender: Das wäre kein Faschismus der Führer, sondern der Diener (ist nicht schon bei Freud und Bataille der Führer selbst Teil derer, die er lenkt?), kein Faschismus der brodelnden Massen, sondern des paranoiden Publikums (ein sauberer »von zu Hause aus«-Faschismus des Einverständnisses, keiner der klirrenden Fensterscheiben), kein Faschismus der radikalen Partei, sondern der technologischen Struktur, ein Faschismus der Überwachungskameras, nicht einer der Wächter an den Terminals. Wenn man so möchte, ein installierter Faschismus light. Aber natürlich gibt es dann das Problem eines immer verwässerteren Begriffs einerseits und andererseits die unerträgliche Nähe zu gegenwärtigen Entwicklungen. 

Abgesehen davon: Eine schöne Bestätigung für jene, die all diese Vorstellungen für passé halten, bzw.  eine Erklärung, weshalb es nicht mehr zu einem »klassischen« Faschismus kommen sollte, bietet Vilém Flusser an. Der Begriff des »Faschismus«, heißt es bei ihm, stammt vom lateinischen fasces, Bündel. Die Medien des 20. Jahrhunderts waren gebündelte Medien und Medien der Bündelung. Die Zeitung, das Fernsehen formte einige wenige verschiedene Gruppen. Die Medien des 21. Jahrhunderts sind netzwerkartig strukturiert: Sie teilen eher auf, als dass sie zusammenschließen - so zumindest Flussers Hoffnung. Das erklärt gewissermaßen auch das Weiterleben des - nur scheinbar - »althergebrachten« Faschismus in kleinen Mörderbanden und Köpfen von Einzeltätern. Das sind schreckliche und tragische, aber doch statistische Ausreißer. Die Norm sieht ganz anders aus. Und trotzdem weiß ich ganz und gar nicht, ob man Flussers Wohlgemut teilen sollte. 

Donnerstag, 17. Mai 2012

Über die Planke

Ein alter Piratenbrauch, trotzdem eher Seemannsgarn denn Wirklichkeit, ist die Hinrichtung durch den Gang über die Planke. Wer Element of Crimes Album »Psycho« geraubt oder gekauft hat, dem fallen dazu vielleicht auch die aus endloser Menge klingenden Rufe ein, die im Refrain eines der schönsten Lieder dieses Albums lapidar auffordern: »Jetzt musst du springen!«

Was momentan über die Planke geht oder gehen soll, ist eine veraltete Kulturform, die nun von einer neuen Form verdrängt wird. Dabei geht es auch gar nicht unbedingt nur um den »Geiz« der Konsumenten, die »Gratiskultur«, die Kulturindustrie, all das ist eigentlich nur die Spitze des Eisbergs. Es geht eher um einen Wandel, der seit der informatischen Revolution sukzessive voranschreitet und der von so etwas wie »Bewußtseinsparoxysmen« begleitet wird.

Dabei hängen auch Teile der Piraten (der parteilichen wie auch der nichtparteilichen) noch diesen alten Kulturformen an. Da wäre beispielsweise dieser fast rührende Romantizismus, der sich in der Diskussion um geistiges Eigentum und Urheberrechte immer wieder bemerkbar macht. Jene, die die Kunst unter dem Banner der Informationsfreiheit stellen, werden mitgeprägt von der Vorstellung, das Kultur nichts kosten dürfe, weil sie »Herzenssache« und damit frei vom »schnöden Mammon« zu sein hätte. Die Computernerds, eigentlich ja eher im Ruf rational zu sein, schlagen um in Gefühlsduselei: Die Vorstellung des völlig von hehren Motiven getriebenen Künstlers steckt ganz tief in der ganzen Urheberrechtsdebatte.  Kein Wunder eigentlich, wird die Kunst doch immer wieder gerne als das erholsame Reservat angesehen, das scheinbar außerhalb der Verwertungslogik (und damit der Welt) steht.

In den Rufen aus der Menge, die die alte Kulturform über die Planke gehen lassen möchte, klingt so auch der erneuerte, recht albern erscheinende aber ernst gemeinte Wunsch mit, Arbeit und Kunstproduktion voneinander zu trennen (als wäre das nicht schon längst immer stärker der Fall). Damit liegt die Menge ganz in einem über hundert Jahre alten Trend: Die recht verzerrte Wahrnehmung ist vielleicht der Kunstentwicklung seit Beginn des 20. Jahrhunderts geschuldet, also der schleunig voranschreitenden Demokratisierung und Verallgegenwärtigung der Kunst in der Gesellschaft. Der Künstler als Jedermann, Jedermann als Künstler: Fünfzehn Minuten... pah! Gezählt wird in YouTube-hits. Dem kam noch die Einstellung entgegen, das Kunst etwas sei oder zu sein hätte, das man in der Freizeit, zum Ausgleich, schaffen würde, könnte, sollte - und in gewisser Weise ist das auch folgerichtig.

Noch bis hin zu dieser Kunstauffassung, die weder Genius noch Autor kennt, die Kunst nicht als Passion, sondern als unstete Liebelei betrachtet, zeigen sich die Unterschiede zwischen den Resten der alten Kultur und der neuen, kommenden. Das lässt sich mit Element Of Crime nicht griffig ausdrücken, wohl aber mit der Band Kante: »Wir leben von einem Glauben, der unserer Gegenwart vorauseilt.«

Auf der Planke stehen, das heißt auch erkennen, dass Widerstand zwecklos ist. Im übrigen trifft die Piraten (die Partei, die Sympathisanten, die Raubkopierer, die Digital Natives) keine Schuld an dieser Sache: Das Schiff wurde schon lange vor ihnen wie von Geisterhand gekapert. Das bedeutet auch, dass nicht etwa die Besatzung gemeutert hat. Das Schiff selbst hat die Crew ausgewechselt. Die Piraten wissen (bewusst oder auch unbewusst) um die Gunst der Stunde, sie sind die zuweilen angefeindeten Botschafter, die nur darauf hinweisen, dass da jemand an der Planke steht und es an der Zeit ist, zu springen.


Die Piraten sind als ipso-facto-Partei Teil der Besatzung eines Geisterschiffs. Das ist weder vernünftig noch unvernünftig, sondern jenseits der Vernunft. Sie müssen nicht als Partei erfolgreich sein oder Wahlen gewinnen, um einen historischen Sieg errungen zu haben, da es genau genommen gar nicht sie sind, die siegen, sondern das Schiff es sein wird, in dem wir alle sitzen.




Mittwoch, 9. Mai 2012

Das politische Spektrum der Zukunft

Vorsorgen oder Voreilen? Diese Frage wird in Zukunft maßgeblich sein, um politische Einordnungen treffen zu können. Zumindest, wenn Steve Fuller mit seinem Project Syndicate-Artikel recht hat.

Der Horizont verläuft dem Soziologen zufolge zwischen vorauseilenden, antizipatorischen (»proactionary«) Kräften und vorsichtigen, vorbeugenden (»precautionary«) Gruppierungen. »Proactionary«, das heißt, um beim Bild des Horizonts zu bleiben, himmelwärts zu fliegen, ohne zurückzuschauen, das heißt leicht und leichtfertig zu sein, dem neuen Morgen, der Zukunft, durch den eigenen Flug vorauszueilen. Die Strategie: positives Feedback, Verstärkung.

»Precautionary« dagegen, das bedeutet Bodenhaftung zu behalten, die Zeichen, die aufziehenden Wolken zu beobachten, nicht der Zeit voraus sein zu wollen,  sondern von einer relativ festen Position aus die Bewegung selbst zu beobachten und Vorsorge zu treffen. Die Strategie: negatives Feedback, Eindämmung.

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