Donnerstag, 16. Februar 2012

Flüssige Lebensläufe, Teil 2


Eigentlich ist es doch erstaunlich: Die Facebook-Profilseite als Lebenslauf ist der Versuch, sich selbst ständig im Spiegel zu beobachten, also sich seiner eigenen Lebendigkeit und Wirklichkeit zu versichern. Was dabei herauskommt ist, weit weg vom Leben, eher ein untotes Zwischenstadium: Eine Übertreibung?

Auf jeden Fall werden uns unsere Facebook-Seiten überleben. Und damit sind wir in gewisser Weise  unwirklicher (weil flüchtiger) als unsere Facebook-Profile geworden. Man braucht für diese Flüchtigkeit im Übrigen nicht tot zu sein: Jedes Mal, wenn wir uns nicht "in Gesellschaft" befinden, sind wir weniger "real" als unser Facebook-Profil, da letzeres, im Gegensatz zu uns, immer Anteil nimmt, da es immer voll und ganz "Identität" ist, da es keinen Schlaf kennt.

Eine kleine phantastische Abschweifung sei erlaubt:

Dienstag, 14. Februar 2012

Nachreichung

Lukas Papadimos: »Wir sind einen Atemzug vor Ground Zero.«  Schöne Aussage. Hätte auch wunderbar zur Einleitung meines vorletzten Blog-Beitrags gepasst: Es gibt zu Beginn des 21. Jahrhunderts kein besseres Sinnbild für die Angst als den "Ground Zero" - Man erinnere sich an die ersten Tage nach dem Anschlag, die Ratlosigkeit, das blanke Entsetzen ohne Ziel.

Genau diese Erinnerungen werden von der Aussage Papadimos evoziert. In ihr schwingt implizit auch das Eingeständnis mit, dass die Ökonomie, wenn nicht Terror, so doch eine ganz eigene Form von Gewalt darstellen könnte.

Abgesehen davon aber, noch einmal zum vorletzten Post: Vielleicht ist die Angst das perfekte Movens für eine liquide, inhärent unruhige, sich schnell wandelnde Gesellschaft. Mit jedem Angstimpuls, der gesetzt wird, mit jeder Störung der Kommunikation werden alte Strukturen aufgebrochen, sodass neue Anpassungen implementiert werden können. Man lässt Angst in die Kommunikationskanäle ab, sendet die Botschaft nach, wartet was passiert. Es wird Angst produziert, um das System variabel genug zu halten, um Ruhe zu produzieren, um  Angst zu produzieren etc. etc.: »order from angst«.

Regeln und Merkmale? Diese Angst ist immer Angst in der Schwebe. Sie ist immer eine Angst mit wenig Konkretion, sie schlägt nicht allzu leicht in eine auf ein oder mehrere Objekte gerichtete Furcht um. Die Angst muss genauso flüssig, wandelbar, unstet sein wie das Tempo und der Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung dies erfordern. Das ihr zugrundeliegende Narrativ ist daher überwiegend wahnhaft und apokalyptisch.

Diese Angst, die vielleicht sogar eine Angst vor der Angst ist, ist nicht dieselbe wie die "demagogische Furcht". Letztere hat ein fixes Feindbild (und ist dadurch unproduktiv und zwangsweise vorgestrig: das heißt, man weiß hier, was man will). Erstere wird gerade erst dadurch produktiv, an diesem fixierten Feindbild zu mangeln (und wird dadurch potentiell progressiv und flexibel) - sprach denn nicht schon Freud davon, dass die libidinösen Bindungen der Masse sich in Angstsituationen lösen?

Paradoxerweise bejaht gerade diese flexible Angst die bestehende Ordnung: "Die Übel, deren Sklave er ist, drängen ihn voran, um ihn noch besser zurückzuzerren." (Cioran) Sklaven der Angst geworden, drängt die Angst den Empfänger zurück zum Sender.

In den Gesellschaften, in denen es auf Schnelligkeit und Wandel ankommt, scheint es ratsam darauf zu achten, dass dieser Schnelligkeit der Veränderung (und Nichtigkeit der Ereignisse) keine Barrieren im Weg stehen. Dafür müssen in weitestgehend demokratischen Systemen Affekte produziert werden, die diese Schnelligkeit sowie das Abflauen einer langsamen, trägen Art von Reflexion begünstigen. Der Negativaffekt um diesen Wandel zu begünstigen ist die Angst.

Möglicherweise schaukelt sich diese Störung (noise, man denke an Munchs Schrei) aber auch irgendwann zu etwas hoch, das nicht mehr zu Ruhe gebracht werden kann, etwa, wenn die Botschaft, die nachgereicht wird, selbst zum Schrecken wird. Vielleicht ergibt sich daraus aber auch die einzige Chance, die Angst-Politik selbst in Frage zu stellen. Benjamin: "Der Zweck der Revolution ist die Abschaffung der Angst."

Montag, 13. Februar 2012

Weisheiten wilder alter Lockenschöpfe, Teil 1

Nach zehn Jahren Abstinenz in Bakunins "Gott und der Staat" geblättert. Mehr Kraft als die "geballte" Empörung junger und alter, engagierter wie auflagenstarker Männer hat das angestaubte Stück allemal: Was hätte er, der dreimal zu Tode verurteilte, fragmentiert Lebende, der Choleriker, der Spalter der ersten Internationale, der heimatlose Phantast wohl über die Situation Griechenlands gesagt? Vielleicht so etwas ähnliches wie:

Die technokratische Rationalität (im Original: die positive Wissenschaft) muss in "Erkenntnis ihrer absoluten Unfähigkeit, die wirklichen Individuen zu erfassen und sich für ihr Schicksal zu interessieren, endgültig und unbedingt auf die Regierung der Gesellschaft verzichten; denn wenn sie sich um dieselbe kümmern sollte, könnte sie nichts anderes tun, als stets die lebenden Menschen, die die Welt kennt, ihren Abstraktionen zu opfern, die den einzigen, sie wirklich beschäftigenden Gegenstand bilden."

Sonntag, 12. Februar 2012

Angst als Medium

Nachdem es 2001 zur Explosion der Angst kam, kam es mithin auch zur Vollendung des Konzeptes mit der Angst Politik zu machen, bzw. die Angst zum eigentlichen Motor der Politisierung der Menschen zu machen. Von diesem Konzept ist man seither keinen Deut abgerückt.

Die gesamte politische Diskussion, sei es die über unsere kleine, in paroxystischen Schüben verlaufende Krise, sei es die über Ökologie oder Altersvorsorge, wird vollkommen von diesem schrillen, alles überdröhnenden Schrei, der die Angst selbst ist, strukturiert und überlagert.
Dean Martin, Jerry Lewis und Carmen Miaranda in Starr vor Angst
Vielleicht ist heute die Angst und nicht mehr die Macht das eigentliche Medium der Politik. Dann könnte man sagen: Die Politik setzt nicht mehr vorrangig auf die Macht im Weber'schen Sinne. Es geht nicht mehr in erster Linie um die Durchsetzung "ihres" Willens auch gegen unseren Willen. Auch nicht um den "symbiotischen Mechanismus" (Luhmann) den die Macht mit der Gewalt eingeht.

Worauf die Politik setzt, ist die Durchsetzung ihres Willens durch die allgemeine Durchsetzung und Mobilisierung der Angst, die willenlos macht, der Angst, die keinen Halt kennt und ruhelos überall auf der Suche nach etwas ist, dem sie anhaften kann (um zur Furcht vor etwas werden zu können). So drängt uns die Politik dann auch keinen Willen mehr auf, sie spendet vielmehr den bereits willenlos Gewordenen kurze Angstlösungen und Furcht-Setzungen. Die Angst ist heute unsere Kommunion, ein Grundbaustein der Gesellschaft.

Freitag, 10. Februar 2012

Wiedererkennung

Das aktuelle World Press Photo-Siegerbild verweist auf die politischen Ereignisse des arabischen Frühlings. Dabei ist es zweifellos als klassisches Vesperbild konzipiert: Ganz unweigerlich kommt dem Betrachter dieses Photos eines der unzähligen Bilder der trauernden Maria, den toten Sohn in den Armen wiegend, in den Sinn. Ja das Photo wird geradezu von diesen (Vor-)bildern überlagert. Das World Press Photo des Jahres 2011 steckt in einer prekären Lage zwischen sich selbst und diesem Verweis auf seine Vorbilder, immer davon bedroht, von diesem Verweis absorbiert zu werden.

Das Photo ist auf die westliche Ikonographie ausgerichtet, auf den europäischen oder amerikanischen Blick. Zugeschnitten, könnte man auch sagen. Damit zeigt es uns weder den arabischen Frühling, noch bringt es uns die Abgebildeten näher: Natürlich ist es eine Inszenierung, aber es inszeniert vor allem unsere eigenen Betrachtungsgewohnheiten. Man kann das Bild daher völlig bequem betrachten.

Es erleichtert uns damit den Zugang. Muss man es als "kulturelle" Verständigung durch ikonische Ähnlichkeit auffassen? Ich weiß nicht - aber ich bezweifle es, denn: Gewissermaßen löscht es eher noch den arabischen Frühling als eigenständiges Ereignis aus, erobert und eingenommen, inkorporiert durch den westlichen Blick. 

Freitag, 3. Februar 2012

Fortsetzung des Fußballs/Krieges mit anderen Mitteln


Verwunderlich, dass die Krawalle in Ägypten in den Medien bislang keine Assoziationen mit der Geschichte zu wecken scheinen: Erinnert die Situation in Ägypten doch auf fatale Weise an den sogenannten Fußballkrieg in El Salvador, der um die 2000 Tote forderte.

Natürlich, der eigentliche Auslöser lag selbstverständlich anderswo, bei den sozialen und ökonomischen Spannungen (aber ist das nicht insgesamt der eigentliche Auslöser für Fußball?). Fußball als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Oder, was mit dem Blick auf El Salvador nun plausibler wird: Krieg als Fortsetzung des Fußballs mit anderen Mitteln.

By the way: Das, was einst als Disziplinierungsmaschine im Dienste des industriellen Bürgertums angefangen hatte, um auch die Freizeit der Arbeiter für die Werktätigkeit produktiv zu machen (weg vom Schnaps, hin zur Stählung der Körper) wurde immer gut, gewinnbringend und gerne als unpolitischer Sport verkauft.

Vielleicht liegt darin das Drama des Unpolitischen: Die Antagonismen bleiben erhalten, die Politik kommt zurück - gerade dort, wo sie verdrängt werden soll. Allerdings kehrt sie wieder, ohne noch politischen Ausdruck zu finden.

Sie findet ihn wieder, wenn es schon zu spät ist, zeitverzögert, über den Umweg durch die Gewalt samt nachträglicher Symbolisierung des Ereignisses. Ein Ereignis, dass Geschichte wird, obwohl es doch gerade für das Nichtgeschichtliche schlechthin steht.

Das gilt auch auf diesem grünen Feld. Wenn der Mob den Rasen stürmt und der Krieg losbricht, ist es einer, der von niemandem mehr gewonnen werden kann. Ägypten ist in der langen Spätmoderne angekommen.

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