Lukas Papadimos: »Wir sind einen
Atemzug vor Ground Zero.« Schöne Aussage. Hätte auch wunderbar zur Einleitung meines vorletzten Blog-Beitrags gepasst: Es gibt zu Beginn des 21. Jahrhunderts kein besseres Sinnbild für die Angst als den "Ground Zero" - Man erinnere sich an die ersten Tage nach dem Anschlag, die Ratlosigkeit, das
blanke Entsetzen ohne Ziel.
Genau diese Erinnerungen werden von der Aussage Papadimos evoziert. In ihr schwingt implizit auch das Eingeständnis mit, dass die Ökonomie, wenn nicht Terror, so doch eine ganz eigene Form von Gewalt darstellen könnte.
Abgesehen davon aber, noch einmal zum vorletzten Post: Vielleicht ist die Angst das perfekte Movens für eine liquide, inhärent unruhige, sich schnell wandelnde Gesellschaft. Mit jedem Angstimpuls, der gesetzt wird, mit jeder Störung der Kommunikation werden alte Strukturen aufgebrochen, sodass neue Anpassungen implementiert werden können. Man lässt Angst in die Kommunikationskanäle ab, sendet die Botschaft nach, wartet was passiert. Es wird Angst produziert, um das System variabel genug zu halten, um Ruhe zu produzieren, um Angst zu produzieren etc. etc.: »
order from angst«.
Regeln und Merkmale? Diese Angst ist immer Angst in der Schwebe. Sie ist immer eine Angst mit wenig Konkretion, sie schlägt nicht allzu leicht in eine auf ein oder mehrere Objekte gerichtete Furcht um. Die Angst muss genauso flüssig, wandelbar, unstet sein wie das Tempo und der Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung dies erfordern. Das ihr zugrundeliegende Narrativ ist daher überwiegend wahnhaft und apokalyptisch.
Diese Angst, die vielleicht sogar eine Angst vor der Angst ist, ist nicht dieselbe wie die "demagogische Furcht". Letztere hat ein fixes Feindbild (und ist dadurch unproduktiv und zwangsweise vorgestrig: das heißt, man weiß hier, was man will). Erstere wird gerade erst dadurch produktiv, an diesem fixierten Feindbild zu mangeln (und wird dadurch potentiell progressiv und flexibel) - sprach denn nicht schon Freud davon, dass die libidinösen Bindungen der Masse sich in Angstsituationen lösen?
Paradoxerweise bejaht gerade diese flexible Angst die bestehende Ordnung: "
Die Übel, deren Sklave er ist, drängen ihn voran, um ihn noch besser zurückzuzerren." (Cioran) Sklaven der Angst geworden, drängt die Angst den Empfänger zurück zum Sender.
In den Gesellschaften, in denen es auf Schnelligkeit und Wandel ankommt, scheint es ratsam darauf zu achten, dass dieser Schnelligkeit der Veränderung (und Nichtigkeit der Ereignisse) keine Barrieren im Weg stehen. Dafür müssen in weitestgehend demokratischen Systemen Affekte produziert werden, die diese Schnelligkeit sowie das Abflauen einer langsamen, trägen Art von Reflexion begünstigen. Der Negativaffekt um diesen Wandel zu begünstigen ist die Angst.
Möglicherweise schaukelt sich diese Störung (
noise, man denke an Munchs Schrei) aber auch irgendwann zu etwas hoch, das nicht mehr zu Ruhe gebracht werden kann, etwa, wenn die Botschaft, die nachgereicht wird, selbst zum Schrecken wird. Vielleicht ergibt sich daraus aber auch die einzige Chance, die Angst-Politik selbst in Frage zu stellen. Benjamin: "
Der Zweck der Revolution ist die Abschaffung der Angst."