Claude Lévi-Strauss ist vor inzwischen schon einer Woche im Alter von einhundert Jahren in Paris verstorben. Damit geht einer der ganz großen Denker des 20. Jahrhunderts von uns: Weit davon entfernt, nur Einfluss auf die Ethnologie auszuüben, führte er den Strukturalismus von der Linguistik in die Sozialwissenschaften ein, womit er den Stein des Anstoßes für eine der wohl blühendsten und kontroversesten Denkschulen des vorherigen Jahrhunderts ins Rollen brachte, die sich von Disziplinen wie der Literaturwissenschaft bis zur Soziologie erstreckt.
Inwiefern der strukturalistische Ansatz nach Levi-Strauss funktionieren soll, wurde in diesem Blog schon vor einiger Zeit zu erklären versucht.
Claude Levi-Strauss jedenfalls hat die Art, wie wir über den Zusammenhang zwischen Mensch und Kultur denken können und auch wie wir Mensch und Kultur selbst denken können, grundlegend verändert.
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Mittwoch, 4. November 2009
Zum Tod von Claude Lévi-Strauss
Labels: culture, German, Levi-Strauss, News
Dienstag, 3. November 2009
Buddhismus für Manager
Erstaunlich, es gibt sogar ein Buch zum Titel des posts, wie ich gerade zufällig bei Amazon gesehen habe. Buddhismus für Manager ist also nicht nur ein polemischer Titel für einen Blogbeitrag, der darstellen soll, inwiefern der westliche Buddhismus eine völlig zum Status Quo passende, also ihn erhaltende, "Religion" ist, sondern es steckt im Titel sogar schon der gedruckte Beweis, dass dem auch wirklich so ist: Denn Buddhismus für Manager scheint ein Selbstoptimierungsratgeber auf den Spuren des Buddhismus zu sein.
Die Idee, dass der westliche Buddhismus ein "lifestyle-tool" ist, gut genug um sich besser in bestehende Raster einordnen zu können, ist natürlich nicht von mir. Der Gedanke wurde spätestens von Slavoj Zizek formuliert (Sloterdijk scheint, wie es in Zizeks "Gnadenlose Liebe", auf das ich mich hier beziehe, den Anschein hat, ähnliches schon vor Jahren über den "Euro-Taoismus" geschrieben zu haben). Der Buddhismus und im Bereich der Esoterik liegende spirituelle Systeme haben die letzten Jahre über im Gegensatz zu vielen anderen Religionen, mehr oder weniger regen Zulauf bekommen. Kein Problem, weil der New Age Buddhismus ist friedfertig und seine Anhänger lernen, wie die Welt gelassener zu betrachten ist. Das Heilsversprechen lautet quasi: "Innerer Frieden ist möglich und der Lärm und die Geschwindigkeit dort draußen sollten deinem inneren Frieden scheißegal sein!"
Wie Zizek schreibt, sieht man hier tatsächlich durch die marx'sche Brille die Religion als Opium für das Volk am Werk. Der New Age Buddhismus ermöglicht es sehr einfach, unliebsame Aufgaben zu erfüllen und zugleich eine gewisse emotionale Distanz zu wahren: Damit wird er Zizek zufolge zum Fetisch. Wenn ein Manager und "New-Age" Buddhist bspw. zu entscheiden hat, zweihundert Mitarbeiter zu entlassen, kann er sein Dilemma sehr einfach auflösen, in dem er die fetischistische Phrase anwendet: "Ich weiß sehr wohl, dass es schlecht ist, zweihundert Menschen auf die Straße zu werfen, doch hat das alles nichts mit meinem Seelenheil zu tun (denn mein eigentliches Ziel ist die Loslösung von der Welt und die Loslösung von meinem eigenen Begehren)"
Die Konsequenz davon ist Konsequenzlosigkeit: Das Handeln wird im Grunde bedeutungslos, da die Grenzziehung (die schon an sich ein ethischer Akt wäre) völlig abhanden kommt.
Am Rande sei noch erwähnt, dass auch der Dalai Lama selbst es besser fände, die Europäer würden nicht so sehr vom Buddhismus fasziniert sein.
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Montag, 12. Oktober 2009
10 Millionen Kronen für Obama
"Unglaublich aber wahr: Obama bekommt den Friedensnobelpreis. Aber warum eigentlich?
Das sollte ganz einfach zu klären sein, also: Der gute Alfred Nobel legte fest, der Preis solle jenem zugestanden werden, "der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt“ und damit „im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht“ hat.
Und Obama, der hat ja ... gesagt...
Aber eigentlich egal, schauen wir uns doch lieber an, was die Friedensforschung dazu sagt: "Obama legte dem Kongress den höchsten Miltäretat in der Geschichte der Vereinigten Staaten vor."
und "Nicht berücksichtigt hat das Komitee auch die von Obama eingeleitete Verstärkung der US-Truppen in Afghanistan, womit der dortige Krieg ausgeweitet wird, nicht aber zu beenden ist. Nicht berücksichtigt hat das Komitee auch die von Obama eingeleitete Verstärkung der US-Truppen in Afghanistan, womit der dortige Krieg ausgeweitet wird."
Der Preis scheint also bei dem Richtigen gelandet zu sein.
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Dienstag, 6. Oktober 2009
Der Drang nach dem Sinnlosen
Irrationalität begleitet die Geschichte des Menschen. Mehr noch, die ganze Kultur des Menschen baut auf dieser auf. Was wir gerne machen ist meistens sinnlos. Was wir verehren, das dient nicht etwa der Reproduktion, sondern der Verschwendung: Wir sehen das im Sport oder in der Kunst, in diesem Blog und im Alltag.
Man verschwendet Zeit, Mühe, Geld, Arbeitskraft.
Und doch liegt in dieser Verschwendung vielleicht der eigentliche Motor für alles Kulturelle was je hervorgebracht wurde. Wobei Kultur hier sehr weit gefasst verstanden will und eine kulturelle Leistung die Malerei Otto Müllers ebenso sein kann wie das Reinhold Messners Bergsteigerei.
Diese Dinge, die ge- und erschaffen werden, sind sinnlos: Sie erleichtern uns nicht das Leben wie die Erfindung der Dampfmaschine und sie werden auch nicht gemacht, um Wert an sich zu produzieren.
Doch worin liegt eigentlich der Drang hin zum Sinnlosen begründet?
Wir geben dem Sinnlosen, dem Unproduktiven oft einen größeren Wert als dem Produktiven. Nicht nur im eigenen Leben: Reinhold Messner ist seinem Selbstbild nach Bergsteiger, kein Verkäufer von Geschichten, Otto Müller war seinem Selbstbild nach vermutlich Künstler, kein Produzent/Verkäufer von bemalten Leinwänden mit denen man sich die Wände schmücken kann und im gesellschaftlichen Leben sind diese Menschen, sofern sie es schaffen, von ihrem "Drang" zu leben, meistens hoch geachtet - und wenn man sich das vor Augen führt, ist es umso erstaunlicher, dass Jene, die versuchen zu dieser Ehre zu kommen und an ihren Versuchen scheitern, wie Ausgestoßene behandelt werden. Es gibt also im Grunde zwei streng voneinander getrennte Seiten, aber fast nichts dazwischen, sieht man sich die gesellschaftliche Wahrnehmung von Kunst und Sport an.
Die Technik, die dabei an den Tag gelegt wird, die Genauigkeit des Bildhauers oder die Ausdauer des Marathonläufers ist dabei im Grunde nur die Verwischung der Spuren, die zu dem führen, um was es eigentlich geht: Die sinnlose Handlung selbst.
Möglicherweise - und das alles sind natürlich nur Spekulationen - liegt auch darin der besondere Reiz des Sports: Hier wird die ganze Sinnlosigkeit durch Training, objektive messbare Leistung und Können versteckt. Hier wird versucht, die Sinnlosigkeit durch Rationalität zu verdecken oder sogar zu entschärfen, also in eine "rationale Ordnung" zu bringen.
Vielleicht liegt darin auch einer der Gründe für die gegenseitige Abneigung, die oft zwischen Sportbegeisterten und Kunstbegeisterten vorherrscht: Während der Sport die Sinnlosigkeit kunstvoll verdeckt, stellt sie die Kunst im Grunde offen zur Schau bzw. ist diese meistens viel greifbarer.
Und finden wir hier vielleicht auch den Grund dafür, weshalb die Kunst allzu oft in der Geschichte von den Fahnenträgern der Rationalität verschmäht wurde, während der scheinbar viel rationalere Sport toleriert und sogar gefeiert wurde?
Die Stechuhr, die kann man auch in der Fabrik haben, sie zeigt nicht nur Zeit, sondern auch Rationalität an - Selbstoptimierung, aerodynamische Anzüge und High-Tech Motoren und ihre "produktive" Verwertung als Beigaben des Sports sind dabei nur die logische Konsequenz.
Eine vollgekleckste Wand dagegen entbehrt meistens die Frage nach tieferer Sinnhaftigkeit, im Übrigen ebenso sehr wie Dürers Feldhase.
Vielleicht sehen wir den Ausbruch des "eingedämmten" Sinnlosen im Sport erst nach dem "eigentlichen" Spektakel wieder: Während des nächsten Spektakels, der Siegesfeier.
Paradoxerweise ist das Sinnlose in unserer Zeit und Kultur vielleicht das Einzige, was noch Sinn in sich birgt und Sinn stiftet. Der Kreis schließt sich, wenn Menschen den Sinn ihres Handelns in das legen, was nicht produktiv ist. Die Einverleibung des Sinnlosen durch die "rationale Ordnung" oder die Eingliederung in die Produktion, ist dabei gleichermaßen Gefahr für die "Freiheit des Sinnlosen" wie umgekehrt diese für die Ordnung und die Produktion eine potentielle Gefahr darstellt oder zumindest darstellen könnte, auch wenn das Wechselspiel zwischen den beiden Sphären einfach nur das ausmacht, was wir im Allgemeinen unter Zivilisation verstehen.
Das Laufen des Läufers ist dann letzten Endes doch auch immer ein Weglaufen - vor der Stechuhr.
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Montag, 5. Oktober 2009
Zurück nach Disneyland
Hiermit gibt es noch einen Nachtrag zum Beitrag über Disney World.
In Baudrillards "Agonie des Realen" findet sich eine Betrachtung über die Welt von Micky Maus von der anderen Seite des Zaunes: Ging es bei dem verlinkten Beitrag eher um die Techniken, die eingesetzt werden, um die Menschen innerhalb Disney Worlds zu manipulieren, geht es bei Baudrillard um das, was Disney World mit der Welt macht bzw. über diese aussagt. "Disneyland wird als Imaginäres hingestellt, um den Anschein zu erwecken, alles Übrige sei real"
schreibt Baudrillard. Disney World funktioniert Baudrillards Interpretation nach als Fiktion in der Fiktion, die wir unsere Realität nennen. Dass diese gewagte Interpretation durchaus ihren wahren Kern haben könnte, bemerkt man nicht nur erst seit der letzten Finanzkrise (die ein "Tor" zur Realität war, die Fiktion, das war ja gerade die "unglaublich" gute Zeit davor - sehr schön ausgeführt wurde dieser Gedanke von Alain Badiou, zum Beispiel hier).
Baudrillard geht auch noch auf die Besucher Disney Worlds selbst ein: In dem die Erwachsenen in dem Park "Kinder" spielen, ihre Infantilität herauslassen, vermögen sie es erst, "ihre reale Infantilität als eine Illusion erscheinen zu lassen".
Die Illusion im Park stützt also auch bei Baudrillard die Illusion da draußen. Nur auf eine andere Weise: Durch die überzeichnete Ideologie des Vergnügungsparks wird die Ideologie außerhalb der Zäune als "real" hingenommen, die Infantilität, die sich die Besucher in den Parks gönnen, ist in gleicher Weise nur die Überzeichnung der ihnen wahrhaftig innewohnenden Infantilität, die sie davon abhält in der Illusion, die sie Leben nennen, durchzudrehen.
Man möchte hier, liest man Baudrillards Zeilen, auch fast anmerken, dass wir in der heutigen Zeit ja auch geradezu krampfhaft in dieser Infantilität verharren, um uns weiterhin an die Illusion klammern zu können.
Das sind keine schönen Ansichten, sie könnten schmerzhaft sein, aber bedenkenswert sind sie durchaus.






